Prof. Dr.-Ing. Gustav Reinhold Berbig

* 19. Dezember 1934 in Schkeuditz
+ 21. November 2011 in Schwerin

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,
von vielen Blättern eines.
Dies eine Blatt, man merkt es kaum,
denn eines ist ja keines.
Doch dieses eine Blatt allein
war auch ein Teil von meinem Leben,
dann wird dies eine Blatt allein
mir immer wieder fehlen...
Rainer Maria Rilke

Worte zum Gedenken

Im fernen Schkeuditz in Nordsachsen, da stand die Wiege dieses Mannes. Geboren wurde Gustav Reinhold Berbig dort am 19.12.1934. Da gingen seither fast 77 Jahre in das Land.

Der Vater Reinhold Berbig war Maurer von Beruf. Für seine Familie hatte er ein Siedlungshaus errichtet. Reichlich Land dazu. Platz für Tierhaltung und Gartenwirtschaft. Eigenversorgung war angesagt.

Die Mutter war Frau Emma, geb. Koßmann. Zwei Schwestern zählten ebenfalls zur Familie: Schwester Gisela verstarb im Alter von 34 Jahren nach der Geburt ihres 7. Kindes das war im Jahre 1963, Schwester Ursula geboren1933 nun Frau Ursula Trott – lebt längst in Hamburg. Da gab es seit der Wende manch herzliche Begegnung.

Die Kindheit stand schon unter den Schatten des Krieges. Frühe Pflichten und kleine Arbeiten auch schon für die Kinder. Futterholen war schon bald „Holdis“ Sache. Und geschäftstüchtig sowie ein toller Bastler war er schon ganz früh. Hockeyschläger aus seiner Werkstatt fanden Käufer. So kam er zu Taschengeld.

Nach dem Krieg kehrte der Vater aus der Gefangenschaft heim, brachte alles in Ordnung, was zu reparieren war und ging dann zu einer neuen Liebe in den Westen. Auf den Schultern der Mutter lag schon früh alle Verantwortung.

Die Schulzeit hat der aufgeweckte Junge mit Erfolg absolviert. Besonders die Mathematik – das war und blieb sein Fach. Mathe war Klasse. Eigentlich sollte der Reinhold ja Schäfer werden, doch er hatte Glück: In dem Jahr gab es die Ausbildung für Schäfer nicht.

Eine Tischlerlehre in den Möbelwerken Schkeuditz von 1949- 1952. Damals mussten die Lehrlinge noch ihr eigenes Werkzeug mitbringen. Das gelang, denn hier konnte Reinhold auf das Werkzeug des Großvaters, des Tischlers Friedrich·Otto Berbig zurückgreifen. Da war die berühmte Raubank der größte Hobel mit dabei.

In diesen Jahren erwarb Reinhold Berbig dieses besondere Gespür für den Werkstoff Holz, das ihn immer ausgezeichnet hat. Schon bald wurden dem derart geschickten Lehrling besondere Arbeiten anvertraut. Ein Mahagoni-Schlafzimmer für einen sowjetischen Offizier gehörte zu solch besonderen Aufträgen.

Und bald besserte der junge geschäftstüchtige Mann mit „geordneter Feierabendtätigeit“ sein knappes Lehrlingsgeld recht deutlich auf.

Frühjahr 1952. Aus „Holdi“ Berbig war Reinhold, ein sehr guter Möbeltischler geworden, der sich die Liebe zu seinem Beruf auch mit Fleiß erarbeitet hatte. (Diese und alle weiteren kursiv gekennzeichneten Passagen stammen aus dem Buch „Hobelspäne“ von Christa Berbig.)

Am Fließband stehen, das wollte er nicht. Zur Armee gehen? Das schlug auch fehl:

Er sagt noch heute: Ich wäre geblieben, aber eine Planstelle als General hatten sie nicht frei, und etwas anderes wollte ich nicht.

Der nächste Schritt: ABF – Arbeiter und Bauernfakultät in Dresden 1952 – 1955. Schon bei der Aufnahmeprüfung bekam er den Rat: Werden sie nicht Architekt, Sie haben das Zeug dazu, ein guter Bauingenieur werden.

1955 – 1962 das Studium an der Fakultät für Bauwesen der Technischen Universität Dresden. Sechs Jahre Assistent der Herren Professoren Lewitzki und Ludwig.

Nachdem er etwa zwei Jahre lang in den Betonwerken der Umgebung Beton- und Stahlbetonelemente vermessen und die Messungen in einem System erfasst hatte, um die Einflüsse und Bedingungen auf die Maßabweichungen zu kennzeichnen, verteidigte Reinhold am 30.Mai 1968 öffentlich seine Dissertation mit dem Ergebnis: Doktor-Ingenieur magna cum laude. Der gelernte Möbeltischler Reinhold war nun mit 33 Jahren Dr.-Ing. Berbig.

Im August 1958 wurde die Lehrerin Anita geb. Scherz seine Ehefrau. Der Sohn Holm Berbig wurde 1969 geboren. Da war die Freude groß. Nun waren sie eine richtige Familie.

Am 1. September 1970 wurde Dr.-Ing. Reinhold Berbig zum ordentlichen Professor für Theorie der Bauprozesse an der Ingenieurhochschule Wismar berufen. Er war 35 Jahre alt und der jüngste Professor an der Ingenieurhochschule. Sein Arbeitspensum betrug damals bis zu 3.500 Stunden im Jahr: wenig Zeit für die Familie, aber Zeit zum Spielen und Bauen mit seinem kleinen Sohn, die nahm er sich gern.

In seinem Fachgebiet war er innerhalb der DDR anerkannt, seine Veröffentlichungen wurden in Fachzeitschriften gelesen, er schrieb Grundlagenwissen in Lehrbuchform nieder, war ein erfolgreicher Doktorvater und geschätzter Gutachter, mehr als zwanzig Jahre lang.

Als nach der Wende die Ingenieurschule Wismar entsprechend der westlichen Vorbilder erneut umgestaltet wurde, änderten sich die Anforderungen. Der Professor Reinhold Berbig wurde 1992 in den vorzeitigen Altersübergang geschickt.

Leistete er einige Jahre noch gern Arbeit für Weiterbildungsfirmen und Arbeitsämter, um junge Menschen zu Bauingenieuren umzuschulen, so hat er nun, da auch diese Möglichkeit der schwachen Konjunktur zum Opfer fiel, seinen Hobel wieder zur Hand genommen.

Die Ehe mit Frau Anita wurde 1988 geschieden, sie verstarb wenig später. Der Sohn Holm Berbig ging seinen guten Weg, heute ist er als Vermögensberater tätig.

Zu Holm zählen seine Ehefrau Doreen und der Enkelsohn Normen, nun 12 Jahre alt.

Über viele Jahre wurden Briefmarken gesammelt. Ohne VITAMIN B ging das damals nicht, und ohne „Sperrwert“, den man nur mit Sammlerausweis erhielt, kam kein kompletter Satz zustande.

Eines Tages trug Vater Reinhold postfrische Briefmarken nach Hause. doch ehe er sie in sein Schatzalbum einordnen konnte, wollte Söhnchen Holm das Sammlerglück seines Vaters komplett machen: Flugs holte das Kind seinen Spiel-Stempelkasten und versah die Marken noch schnell mit je einem Stempel.

Reinhold Berbigs zweite Ehe wurde am 10.08.1990 mit der Diplompädagogin Christa, geb. Pecher geschlossen. Beide Ehepartner hatten ihre jeweils eigene Lebensgeschichte.

Sie sprachen ihr Ja zueinander. Ja in guten und Ja auch in schweren Zeiten. Und dieses Ja zueinander wurde die Tür zu manch guter Erfahrung von Gemeinschaft, Liebe und Leben. Sie hatten Ja zueinander gesagt.

So kamen die drei Kinder dieser Ehefrau Christa nun hinzu:

Jochen, geboren 1962 ist Lehrer wie seine Ehefrau Marion. Hier sind in der Reihe der Enkel Arne und Lena zu nennen. Wohnort ist Nordhausen.

Tochter Simone ist Verkäuferin und lebt mit ihrem Partner André, ebenfalls Bauingenieur, in Bützow.

Michael ist als Teamleiter im Verlag in Hamburg tätig. Zu ihm zählen seine Ehefrau Katharina und Reinholds Enkelkinder Arvid und Armella.

Und zu allen Kindern und deren Partnern, zu Kindeskindern , Reinhold Berbig hatte schnell zu allen ein gutes, ja ein herzliches Verhältnis.

Reinhold Berbig – der „Professor Tischler“ – Was hat er nicht alles gebaut und gebastelt und hergestellt mit hohem Können und Akribie.

Ein Kinderbett, das eher ein Wanderbett war, denn dort lagen die Enkelkinder alle drin, Arne, Normen, Lena, Arvid und schließlich Armella, die noch heute darin schläft.

Holz er hat sich damit in die Herzen der Menschen gebaut – sagt Frau Christa mit dankbarem Lächeln: Ritterburg und Puppenhaus, Tabletts und Intarsienarbeiten, auch mit Witz im Wohnungsflur. Der Reinhold hatte immer wieder gut zu tun.

Das Gartenhaus mit Christa gebaut, Kleiderschrank oder Holzterrasse, Praktisches, Nützliches, Schönes. Ein Leuchter gedreht aus zwei Hölzer – männliche Eiche, weiblicher Nussbaum, vorher sorgfältig verleimt – dieses Stück wird noch lange an ihn erinnern. Auch Normen spielt mit seinem Schachspiel „made by Opa Reinhold“. So viele Stücke, so viele Erinnerungen.

Reinhold Berbig war auch ein guter Freund. Freundschaften konnte er halten und pflegen auch über Jahrzehnte. Als Beispiel seien hier die genannt, die auch im Buche verzeichnet sind. Es sind deutlich mehr und auch andere. Jeder hier weiß, was ihm die Freundschaft zu Reinhold bedeutet hat.

– Dieter und Hannamaria Loschinski

– Fritz und Edith Franke

– Rosi und Karl Horst Ritter aus Wismar

Reinhold Berbig war gern auf Reisen: 1978 die Tour etwa nach Bulgarien mit Familie Franke: Herrliche Landschaft, reichlich Souvenirs an Bord auf der Rückfahrt. Der Grenzposten fragte: Haben sie etwas zu verzollen? Haben sie Waffen?, da zeigte Reinhold wütend auf die Ablage seines Autos und sagte laut und vernehmlich: JA. HIER! Auf der Hutablage lag eine Maschinenpistole. Es war ein Kinderspielzeug aus Plastik. Rattattatta mit Zündplätzchen und Feuerstein. Da hörte man deutlich das Klicken der Verschlüsse der MPi, welche die Genossen Grenzer im Anschlag bereit hielten, und diese waren garantiert echt.

Weitere Reisen führten ihn 1994 und 1998 nach Schweden, schon 1992 ging es nach Südtirol mit Holm und Michael bis hin nach Venedig. Die Stadt der Brücken. Diese entwickelten sich zu seiner besonderen Liebe. Von allen die unterwegs waren, erbat sich Reinhold Bilder von Brücken. Brücken haben ihn immer wieder fasziniert.

Bei ihren Reisen durch Deutschland vertrauten Berbigs meist auf die Zuverlässigkeit ihrer Autos und auf ihre Fahrtüchtigkeit. Nur zweimal machten sie Kurzurlaub mit einem Reisebüro.

Übrigens: Die Autos, die hatten es Reinhold angetan. Ihnen blieb er nicht so treu wie seiner Frau und hielt bereits mehrmals nach einem schöneren Ausschau, ein Faible, welches dem Haushaltsbudget und den Nerven seiner Frau jedes Mal arg zusetzte.

Dann ein erster Herzinfarkt 1996 und eine Bypass-Operation.

1997 der Umzug in die schöne Parterrewohnung, die Garage wurde zur Werkstatt. Prima! Und Frau Christa avancierte seither zum Chauffeur. So ging es gut.

2009, eine Flugreise in die Türkei wurde gewagt. Es war ganz einfach herrlich.

In der Interessengruppe Holzbearbeitung im der Seniorenresidenz VITANAS hat sich Reinhold Berbig ehrenamtlich betätigt.  Er wurde dann Ehrenmitglied, als sein Freund Rolf Niederstrasser begann, dort sein Werk fortzusetzen. Mit ihm und seiner Partnerin Frau Brunhilde Handorf besuchten Berbigs im Rahmen eines Abos regelmäßig die Vorstellungen im Mecklenburgischen Staatstheater und wurden „Mitglieder der Freunde des Theaters“.

Seit 2009 brauchte Reinhold Berbig immer deutlicher Hilfe und ­Unterstützung. Klinikaufenthalte und Behandlungen folgten nun immer dichter aufeinander. Ganz viel Liebe und stille Treue erfuhr er nun gerade von seiner Ehefrau. Und auch Sohn Holm war immer wieder beim Vater.

Und dann kam sein Sterben ganz rasch und schnell. Leid und Siechtum blieben so erspart. Es war der 21.11. 2011, da ist er rasch gegangen nach einem derart erfüllten Leben.

Reinhold Berbig – er wird fehlen

er wird fehlen – in seiner Familie
er wird fehlen – im Kreise der Freunde
er wird fehlen.

Reinhold Berbig …….. er wird besonders fehlen, denn die Besonderen, die fehlen immer besonders. Und ein Besonderer ist er gewesen: dieser Professor Tischler Reinhold Berbig.

Schön, dass es ihn gab.

 

Prof. Dr.-Ing. Reinhold Berbig, 1934-2011
Prof. Dr.-Ing. Reinhold Berbig, 1934-2011

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